"Ennon"

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- oder: eine theologische Deutung zum Eintritt Bernhards

ein Beitrag von Placide Vernet

Welcher Mönch, welche Nonne aus der Zisterzienserfamilie kennt nicht die Überlieferung von jenem Mönch, der im Sterben lag und dem Abt von Cîteaux die baldige Ankunft Bernhards und seiner Gefährten angekündigt haben soll? Ihre Quellen zu erkennen und zu wissen, welche Bedeutung man dieser Überlieferung zumessen soll, ist das Ziel dieser kleinen Untersuchung.

Die Zeugen einer zisterziensischen Tradition

Die vita prima des Hl. Bernhard
Sie enthält den Bericht, den ich hier in der Übersetzung von Dion-Charpentier, Oeuvres complètes de saint Bernard, wiedergebe:

„Im ersten Jahr von Cîteaux geschah es, dass einer der ersten Brüder dieser Abtei seine letzte Stunde gekommen fand. Da erblickte er im Geiste eine unzählbare Menge von Männern nahe bei der Basilika, wie sie damit beschäftigt waren, ihre Kleider in der Quelle zu waschen. Gleichzeitig hörte er eine Stimme, die sprach: Diese Quelle wird man „die Quelle von Ennon“ nennen. Der Bruder teilte dies seinem Abte mit, und dieser Mann, von großen Gefühlen erfüllt, verstand, dass Gott ihn trösten wollte. Er freute sich also sehr über das Versprechen, das ihm zuteil geworden war, später aber freute er sich noch mehr, als er sah, wie es sich erfüllte …“

Nach dem unmittelbaren Kontext ist der Abt von Cîteaux, um den es sich handelt, Stephan Harding. Man muss also das lateinische anno priore übersetzen mit „im vorhergehenden Jahr“ oder „im Jahr zuvor“.
Die große Frage aber ist die nach der Echtheit dieses Textes, entsprechend der Fussnote 17 bei Migne: Haec inter uncinas inclusa ex ms. sunt desumpta. Tatsächlich findet sich dieser Text in den ersten Ausgaben der Oeuvres complètes de saint Bernard von 1551, 1608 und 1623 nicht, die in unserer Bibliothek vorhanden sind, wohl aber in den Ausgaben von Horstius und Mabillon (von 1658 und folgenden), mit der Randnotiz Haec ex ms. Nun sind diese Autoren ernst zu nehmen. Das ist sehr wichtig, denn der Autor der Vita prima des hl. Bernhard ist Wilhelm von Saint-Thierry, der sie noch zu Lebzeiten des hl. Bernhard verfasste. Er hatte ihn schon sehr früh in Clairvaux selbst kennen gelernt. Er muss diese Überlieferung also von den Gründern dieses Klosters selbst, die 1113 in Cîteaux eingetreten waren, übernommen haben.

Das Große Exordium von Cîteaux, verfasst am Ende des 12. und zu Beginn des 13. Jahrhundert, verdanken wir Konrad von Eberbach, der zuvor Mönch von Clairvaux gewesen war.5 Wie der lateinische Text und sogar noch die französische Übersetzung zeigen, kannte der Autor die Vita prima, die er wiedergibt.

„Ein anderes Mal erschien einem der Brüder, der im Begriff war, den Weg allen Fleisches zu gehen, in einer Vision eine unzählbare Menge von Männern, die beim Oratorium des Klosters an einer hell leuchtenden Quelle ihre Kleider wuschen, und in dieser Erscheinung wurde ihm gesagt, dass diese Quelle „Ennon“ genannt werden sollte. Als er dies dem Abt mitgeteilt hatte, erkannte der großartige Mann sofort, dass dadurch eine göttliche Tröstung angezeigt werde, und in großer Freude damals schon wegen des Versprechens, aber mehr noch später durch die Verwirklichung, dankte Gott. Denn nachdem der Herr vierzehn Jahre lang ununterbrochen die Ausdauer und die Treue seiner Diener durch viele Drangsale und große Armut bestätigt gesehen und sie als treu befunden hatte, suchte er sie schließlich im fünfzehnten Jahre seit der Gründung des Klosters Cîteaux als aufstrahlendes Licht aus der Höhe heim, indem er ihnen die oben genannten Personen schickte.“

Erstaunt stellen wir fest, dass es für Konrad von Eberbach ebenso wie für Wilhelm von Saint Thierry keinerlei Zweifel gibt, wie diese Vision zu deuten sei: sie kündigte den Eintritt zahlreicher Männer in das Mönchsleben der Zisterzienser an, insbesondere den unmittelbaren Eintritt Bernhards und seiner Gefährten...

 

...den kompletten Artikel finden Sie im Heft 3/2013, das Sie hier bestellen können.